14. Mai 2011

USA01 / Wildtieren ganz nah

Einmal geschrieben, ist es doch zu schade die Geschichte für mich zu behalten. Vor fünf Jahren besaß ich meine erste DSLR noch nicht lange und war fotografisch etwas unerfahren, fast naiv …

Aufgeregt liege ich im kniehohen Gras. Nach der Flussüberquerung rinnt das Wasser von der Jeans über die Füße. Ich friere. Die Sonne steht noch tief und gibt weiches Licht, der Reif taut langsam auf. Mit steifen Fingern fokussiere ich wieder auf ihn und löse aus. Sein Atem kondensiert in der kalten Luft. Ich bin immernoch zu weit weg. Vorsichtig, ohne hektische Bewegungen krabble ich näher. Er hat mich schon längst bemerkt und fixiert mich wieder. Dann lenken ihn Rufe von der anderen Flussseite ab. “Hey you!” Ich schleiche weiter, völlig auf das Fotografieren konzentriert. Ich hebe die Kamera und sehe, dass der Wapitihirsch immernoch irritiert wird. Auf dem Weg gegenüber steht eine Frau in dunkelgrüner Uniform. “Come back!” Ich schaue mich um. Außer dem Hirsch und mir ist weit und breit niemand sonst.

“It’s forbidden” schnauzt mich die Rangerin an, kaum dass ich zurück auf ihre Seite gewatet bin “You need a bigger camera”. Während sie mir einen Strafzettel ausstellt, erklärt sie mir, wie gefährlich es ist, sich Wildtieren zu nähern. Glücklicherweise nur eine Verwarnung. Noch eine Auffälligkeit und ich darf keinen amerikanischen Nationalpark mehr betreten.

Bis zum nächsten Tag habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich hatte mit meiner Aktion nicht nur mich gefährdet, sondern auch den Aufenthalt der ganzen Familie im Nationalpark. Am folgenden Morgen wache ich vom Töpfeklappern meines Großvaters auf. Verschlafen zwänge ich mich in die klammen Klamotten und versuche das Zelt zu öffnen, ohne mich mit dem kalten Kondenswasser an der Zeltinnenseite nass zu machen. Ich muss erst zweimal gegen die Morgensonne blinzeln, bis ich erkenne, dass heute ein Hirsch mitten auf dem Zeltplatz steht. Natürlich viel zu nahe.

Kommentare

  • Tina: 14. Mai 2011

    Gut gemacht. Schön! :)

  • U. vom Eselsberg: 15. Juni 2011

    Der Text ist klasse. Also kannste nicht nur gut fotografieren. War da nicht noch ein Bild direkt in die Wapitihirschaugen?

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